Pflichten des Gerichtsberichterstatters; die disziplinarrechtliche Zuständigkeit zur  Beurteilung von Pflichtverletzungen liegt bei der Rekurskommission des Obergerichts

(§§ 7, 9  GerBerV)


    1.    Die Vorinstanz warf der Gerichtsberichterstatterin vor, sie biete keine  Gewähr für eine sachgerechte Berichterstattung, und stellte ihr keine Tagesordnungen mehr  zu. Die Gerichtsberichterstatterin erhob dagegen Aufsichtsbeschwerde an das Obergericht.

    2.    a)    Verletzt ein Gerichtsberichterstatter seine Pflichten, kann ihm  gegenüber eine Ordnungsbusse ausgesprochen werden (§ 9 Abs. 2 GerBerV), und die  Rekurskommission des Obergerichts kann die Zulassung entziehen und ihn bis auf ein Jahr, im  Wiederholungsfall bis auf drei Jahre, von der Zulassung ausschliessen (§ 9 Abs. 1 GerBerV).  Dies entspricht dem allgemeinen Grundsatz, dass jene Behörde zuständig ist, eine Erlaubnis  zu entziehen, welche sie erteilt hat. Solange die Zulassung indessen besteht, stehen dem  zugelassenen Gerichtsberichterstatter die Rechte aus der GerBerV zu. Insofern kann  selbstverständlich nicht das einzelne Bezirksgericht oder dessen Präsidium darüber  entscheiden, welche Rechte den einzelnen Gerichtsberichterstattern zugestanden werden und  welche nicht.

        b)    Die disziplinarrechtliche Zuständigkeit liegt bei der  Rekurskommission des Obergerichts und nicht beim Obergericht. Nachdem die Vorwürfe gegenüber  der Beschwerdeführerin im Rahmen des Aufsichtsbeschwerdeverfahrens erhoben wurden,  rechtfertigt es sich, dass das Obergericht im Einverständnis mit der Rekurskommission im  Sinne einer Kompetenzattraktion auch über diesen Punkt entscheidet.

    3.    a)    Die Gerichtsberichterstatter haben über die Vorgänge an den  Gerichten wahrheitsgemäss, ausgewogen und sachgerecht zu berichten (§ 7 Abs. 1 GerBerV);  gegenüber der Beschwerdeführerin wird der Vorwurf erhoben, sie habe diesem Grundsatz nicht  nachgelebt.

        Es trifft zu, dass § 7 Abs. 1 GerBerV im Kerngedanken eine Verpflichtung des  Gerichtsberichterstatters zur Unparteilichkeit enthält. Nach den publizistischen Grundsätzen  des Deutschen Presserats ist es Aufgabe der Gerichtsberichterstattung, "der Öffentlichkeit  durch eine sorgfältige und unparteiische Darstellung eine vorurteilsfreie Unterrichtung zu  ermöglichen. Die Presse soll deshalb vor Beginn oder während der Dauer eines  Gerichtsverfahrens in Darstellung und Überschrift jede einseitige, tendenziöse oder  präjudizierende Stellungnahme vermeiden und nichts veröffentlichen, was die Unbefangenheit  der am Verfahren beteiligten Personen oder die freie Entscheidung des Gerichts zu  beeinträchtigen geeignet ist. Kritik und Kommentar nach dem Urteil sollen sich erkennbar von  dem eigentlichen Prozessbericht unterscheiden. In der Berichterstattung muss zwischen  blossem Verdacht und erwiesener Schuld streng unterschieden werden" (Höbermann, Der  Gerichtsbericht in der Lokalzeitung: Theorie und Alltag, Baden-Baden 1989, S. 142 f.).

        Die Vorwürfe gegenüber der Beschwerdeführerin betreffen indessen nicht einen  Fall, der mit ihrer Tätigkeit als Gerichtsberichterstatterin zusammenhängt; ebensowenig hat  sie die Informationen, die sie in den in Frage stehenden Presseberichten verwendete, als  Gerichtsberichterstatterin erhalten. Stehen aber die Presseberichte, die Anlass zu den  Vorwürfen des Bezirksgerichts gegenüber der Beschwerdeführerin gaben, nicht in Zusammenhang  mit ihrer Tätigkeit als Gerichtsberichterstatterin, kann § 7 Abs. 1 GerBerV keine Anwendung  finden; vielmehr geht es um die Frage, ob die Beschwerdeführerin mit ihrer übrigen  journalistischen Tätigkeit - neben der Gerichtsberichterstattung - aufgrund ihrer  persönlichen Verhältnisse, Ausbildung und bisherigen Tätigkeit noch Gewähr für eine  sachgerechte Gerichtsberichterstattung bietet (§ 2 Abs. 1 GerBerV).

        b)    Die Politik wird aufgrund der Meinungsvielfalt durch Kritik und  damit verbundenen Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit charakterisiert; von daher sahen  sich sowohl die Parlamente wie auch die Regierungen seit jeher mit Kritik an ihrer Arbeit  konfrontiert. Demgegenüber tut sich die Justiz mit der Kritik eher schwer; bei der Ausübung  ihres Amts sollen und wollen sich die Richter getreu dem Grundsatz der Unabhängigkeit der  Rechtsprechung folgend vom Geplänkel und Meinungsstreit des politischen Alltags abheben,  woraus zwangsläufig eine sehr grosse Skepsis und Verschlossenheit der Richter gegenüber  jeglicher Kritik von aussen resultiert (Wiprächtiger, Kritikfähigkeit der Justiz, in:  Geschlossene Gesellschaft? Macht und Ohnmacht der Justizkritik, Zürich 1993, S. 81 f.). Doch  muss die Justiz dazu stehen, dass sie und ihre Entscheide von aussen her von verschiedensten  Faktoren beeinflusst werden, denn letztlich muss auch mit der richterlichen Tätigkeit die  grundsätzliche Bereitschaft verbunden sein, sein eigenes Denken und Handeln immer wieder in  Frage zu stellen; dazu kommt die Erkenntnis, wie relativ das menschliche Denken ist und wie  notwendigerweise menschliche Entscheidungen, mithin auch die Rechtsprechung, der Kritik von  aussen ausgesetzt sein müssen (Wiprächtiger, S. 82). Durch verstärkte Transparenz der Justiz  und des Gerichtsverfahrens wird nicht nur das offensichtliche Interesse nach einer Kontrolle  der Staatsgewalten befriedigt, sondern letztlich profitieren auch die einzelnen am Verfahren  Beteiligten: Je mehr Abläufe und Inhalte im Gerichtsverfahren auch von aussen  nachvollziehbar sind, um so mehr sind sie konkret und gesetzmässig; durch die Teilnahme von  aussen an der Rechtsprechung besteht vermehrt die Gelegenheit, die Bürger für die Sache der  Justiz zu interessieren und sie nicht justizfremd oder gar justizfeindlich werden zu lassen,  denn auch die Justiz braucht die Auseinandersetzung mit der Öffentlichkeit, und auch sie ist  darauf angewiesen, dass die Bürger ihre Entscheide verstehen (Wiprächtiger, S. 85 f.).  Massgeblich ist dabei aber stets die Frage, wie die Berichterstattung über Vorgänge an den  Gerichten konkret erfolgt: Insofern liegt das Gebot der sachlichen Berichterstattung im  Interesse der ordnungsgemässen Rechtspflege, denn es ist augenfällig, dass deren Funktion  ohne weiteres beeinträchtigt werden kann, wenn die Prozessbeteiligten blossgestellt,  lächerlich gemacht oder in unwürdiger Art und Weise kritisiert werden (BGE 113 Ia 313).  Letztlich ist aber die öffentliche Kritik an Missständen und Fehlleistungen bei den Behörden  staatsbürgerliche Pflicht der Medien; dabei sind in Form und Inhalt der Grundsatz der  Fairness und die Persönlichkeitsrechte der betroffenen Behördenmitglieder und Beamten zu  wahren, denn Ziel ist, dass Medien und Behörden vertrauensvoll zusammenarbeiten und dabei  gegenseitig Respekt und Unabhängigkeit bewahren (vgl. Brühlmeier, Spannungsfeld Polizei -  Justiz -Medien, Aarau 1989, S. 54). Die Medien haben dabei zu berücksichtigen, dass die  Behörden die Verantwortung für einzelne Institutionen der Strafrechtspflege tragen und diese  Optik ihr Handeln bestimmt, dass Behörden und Allgemeinheit von den Medien ein sorgfältiges  Recherchieren und Fairness erwarten dürfen, und dass es nicht angeht, die  Strafverfolgungsbehörden durch Medienberichte in ihrer Tätigkeit zu behindern; umgekehrt  muss die Justiz berücksichtigen, dass sich eine zu restriktive Informationspolitik eher  kontraproduktiv auswirkt, dass die Medien eine kritische Distanz auch gegenüber den Trägern  der strafrechtlichen Sozialkontrolle haben müssen, woraus zwangsläufig Interessenkonflikte  auftreten können, und dass medienspezifische Bedingungen die Tätigkeit ihrer Vertreter  beeinflussen (vgl. Riklin, Schweizerisches Presserecht, Bern 1996, § 6 N 75 f.). Mit Bezug  auf den letzten Punkt ist schliesslich zu beachten, dass die Gerichtsberichterstattung bei  Medienschaffenden in der Regel nicht einen sehr hohen Stellenwert hat (Höbermann, S. 149  f.), was Auswirkungen auf die Frage haben kann, welche Journalisten mit solchen Aufgaben  betraut werden. Schliesslich wird das Mass an Sorgfalt und an Vorsicht mit Bezug auf  bestimmte Äusserungen im Rahmen der Justizkritik auch von der Frage bestimmt, was öffentlich  kritisiert werden will; hier macht es einen wesentlichen Unterschied aus, ob Behörden oder  Behördenmitgliedern Fehleinschätzung von Tatsachen, falsche Rechtsanwendung oder zu  schnelles oder zögerliches Handeln vorgeworfen werden soll, oder ob ihnen gegenüber Vorwürfe  erhoben werden wollen, die letztlich ihre Persönlichkeit betreffen, wie etwa mangelndes  Pflichtbewusstsein oder fehlende Unabhängigkeit bzw. die Berücksichtigung sachfremder  Motive.

        c)    Bei der Würdigung der journalistischen Tätigkeit der  Beschwerdeführerin im Zusammenhang mit dem Fall X sind die besonderen Umstände dieses  Einzelfalls zu berücksichtigen, die von solcher Bedeutung waren, dass sich das Obergericht  in seinem Rechenschaftsbericht über das Jahr 1996 an den Grossen Rat dazu äusserte.  Tatsächlich hat selten ein Zivilprozess im Kanton Thurgau in einem derart problematischen  Umfeld stattfinden müssen, indem der Rahmen von tatsachenverdrehenden Pressepublikationen,  offenen Briefen und Petitionen unbeteiligter Bürger sowie Demonstrationen auf der Strasse  und Flugblattaktionen bis hin zu anonymen Briefen an die beteiligten erst- und  zweitinstanzlichen Richter und Telefonate an deren Privatadresse reichte (RBOG 1996 S. 8  f.). Freilich ist nicht zu verkennen, dass gerade auch die öffentliche Berichterstattung der  Beschwerdeführerin wesentlich zur Problematik dieses Falls beitrug; umgekehrt reagierten die  Prozessparteien und ihr Umfeld gegeneinander und gegen die Behörden teils gehässig und  unverhältnismässig, und zahlreiche Einzelpersonen und Organisationen meinten, sich in die  öffentliche Diskussion einmischen zu müssen, und veranstalteten Aktionen teils aus einem  völlig falschen Verständnis der Sach- und Rechtslage heraus, teils eindeutig wider besseres  Wissen, während die Justiz an das Amtsgeheimnis gebunden ist und deshalb in solchen Fällen  kaum eine Möglichkeit hat, in der Öffentlichkeit verbreitete Fehlinformationen  richtigzustellen (RBOG 1996 S. 9); besonders schwierig ist dies, wenn durch öffentliche  Aktionen und auch Leserbriefe die Bürgerschaft während einer gewissen Zeit permanent  verunsichert wird. Wenn in einem solchen Fall der Journalist nicht streng auf objektive  Recherchierarbeit achtet, kann er bei allenfalls fehlender Sachkunde und ungenügender  Kenntnis über die rechtlichen Gegebenheiten aus einer gewissen Naivität heraus der Gefahr  unterliegen, einseitig zu berichten, vorab, wenn insbesondere eine Prozesspartei öffentlich  sehr aktiv ist, während sich die andere Partei eher zurückhält.

        d)    Der Beschwerdeführerin steht selbstverständlich das Recht zu, über  gesellschaftspolitische Aktualitäten zu berichten, und zwar grundsätzlich unabhängig davon,  ob sie im Zusammenhang mit einem hängigen Gerichtsverfahren stehen; dabei spielt auch keine  Rolle, dass es sich im speziellen Fall um ein Verfahren handelte, welches aufgrund des  geltenden Rechts von den Gerichten unter Ausschluss der Öffentlichkeit behandelt wird.  Ausserdem weist die Beschwerdeführerin zu Recht darauf hin, dass schon vor ihrem ersten  Artikel zum Fall X Leserbriefe und Presseberichte erschienen waren; insofern gehört es zum  Beruf des Journalisten, solche Themen aufzugreifen. Die Art und Weise, wie ein solches Thema  publizistisch angegangen wird, unterliegt zwangsläufig in erster Linie einer  moralisch-ethischen Wertung und ist einer rechtlichen Würdigung insofern nur beschränkt  zugänglich, als es eine reine Ermessensfrage bildet, was im Lichte von relativ unbestimmten  Begriffen wie "Ausgewogenheit", "Sachlichkeit" oder "Objektivität" journalistisch und  rechtlich noch als tolerabel gelten mag und was nicht; diese Frage stellt sich sowohl für  den Journalisten als auch für den Juristen. Im Rahmen der daraus entstehenden Grauzone,  sofern diese ausgenutzt werden will, ist wohl eine gewisse gegenseitige Toleranz der Justiz  einerseits und der Medien andererseits gefordert.

        Natürlich trifft es zu, dass die Beschwerdeführerin im Rahmen ihrer  Berufsausübung den Fall X als "ihren" Fall angenommen hat und mehrere Berichte hierüber  verfasste. Ob diese Berichte sinnvoll oder notwendig waren, kann in einem Verfahren, in  welchem letztlich beide Prozessparteien - jede auf ihre Art - immer wieder an die  Öffentlichkeit gelangten, gar nicht zur Diskussion stehen, und zwar ebensowenig wie die  Frage nach dem journalistischen Wert solcher Publikationen. Insofern steht zum einen fest,  dass Durchschnittszeitungen in der Regel letztlich das schreiben, was ihre Leser lesen  wollen, und zum anderen ist bei der Würdigung von Presseberichten das schlicht unlösbare  Problem zu beachten, dass zwar jeder sportinteressierte Leser Mängel in einer  Fussballreportage aufgrund seines eigenen Wissens sofort zu erkennen vermag, während kaum  jemand ohne entsprechende Ausbildung in der Lage ist, die sachlichen und fachlichen Mängel  des Berichts über ein Gerichtsverfahren festzustellen (Höbermann, S. 142).

        Was in einer öffentlichen Verhandlung bzw. Versammlung geäussert wird, darf  vom Journalisten berichtet werden; seine Berichterstattung ist wahrheitsgetreu, wenn sie die  gefallenen Äusserungen wörtlich oder sinngemäss wiedergibt, wobei gleichgültig ist, ob diese  Äusserungen selber wahr oder unwahr sind (BGE 119 IV 276); zu der öffentlichen Verhandlung  gehören auch schriftliche Unterlagen, sofern sie öffentlich zugänglich sind (BGE 106 IV  171). Als tendenziös kann eine Berichterstattung nur gelten, wenn sie kein der Wirklichkeit  entsprechendes Bild der Verhandlung wiedergibt (BGE 106 IV 161). Damit können der  Beschwerdeführerin keine Vorwürfe gemacht werden, insoweit sie in öffentlichen  Gerichtsverhandlungen gefallene Äusserungen von Anwälten als solche erkennbar wiedergab.

        Dasselbe gilt aber auch für alle jene, zwangsläufig den Hauptteil der  Artikel ausmachenden Passagen, in welchen die Beschwerdeführerin über Äusserungen oder  Behauptungen von Einzelpersonen oder Organisationen berichtete; entscheidend ist dabei stets  nur, dass erkennbar bleibt, von wem eine Äusserung stammt bzw. ob sie eine von Dritten  geäusserte Auffassung oder die eigene Meinung des Medienschaffenden - im Sinne einer Kritik  oder eines Kommentars - wiedergibt.

Obergericht, 12. Februar 1998, JU 97 2